DÜSSELDORF
BDA Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V.


Montag, 16.11.2009

19.00

BDA-Gespräch 2009: Die bunte Stadt

Die ethnisch bunte, vielfältige Stadtgesellschaft ist in ihren Auswirkungen auf Architektur und Stadtgestaltung noch wenig untersucht. Integration, soll sie denn gelingen, hat jedoch nicht zuletzt auch eine architektonisch-städtebauliche Dimension.

Das BDA-Gespräch beleuchtet den Problemkreis aus der biographisch geprägten Sicht einer türkischstämmigen Deutschen und aus mehr wissenschaftlicher Perspektive.

Begrüßung und Einführung:

Reflexionen zur Veranstaltungsreihe „Weniger. Älter. Bunter“

Martin Halfmann, Vorsitzender des BDA Landesverbandes NRW

Vortrag:

Neue Bewohner - neue Städte? Der Beitrag der Migranten zur Stadtentwicklung

Prof. Hartmut Häußermann, Stadtsoziologe, Berlin

Kurzfilm:

Die gute Lage

Buch, Regie, Schnitt: Nancy Brandt

Vortrag:

Wie aus der Fremde Heimat wird

Hatice Akyün, Journalistin und Autorin, Hamburg

Schlusswort:

Martin Halfmann

20.45

BDA-Fest

Ort: Künstlerverein Malkasten, Jacobistr. 6, 40211 Düsseldorf

 

 


Rückblick: Weniger. Älter. Bunter. Veranstaltungsreihe des BDA NRW

Die Herbstreihe des BDA NRW und seiner Gruppen, die erneut vom Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes NRW im Rahmen der Landesinitiative StadtBauKultur NRW unterstützt wurde, reflektierte in diesem Jahr die Auswirkungen der demographischen Entwicklung. Zwischen dem 5. und 18. November 2009 wurde an 11 Orten in NRW in fast 20 Veranstaltungen darüber diskutiert, welche Herausforderungen auf Architektur und Städtebau zukommen, wenn sich die Bevölkerungspyramide in den nächsten Jahrzehnten beinahe umkehren wird.

 

„Älter“ und „Weniger“ bringt als logische Konsequenz das „Bunter“ mit sich. Geburtenrückgang und Ausländerfeindlichkeit passen nicht zusammen. Wir brauchen Hilfe von außen, und wir brauchen mehr Kompetenz für die immer weniger werdenden Kinder. Je besser deren Bildung, desto besser stehen die Chancen darauf, den Lebensstandard unseres Landes zu sichern. „Bunter, älter, weniger...schlauer“ könnte das Ziel unserer Bildungspolitik heißen.

 

 

Schule und Quartier

 

Der Lernort Schule stand denn auch bei mehreren Veranstaltungen, so in Mülheim an der Ruhr, Hagen und Gelsenkirchen, im Mittelpunkt. Zum einen geht es darum, das Raumprogramm für sinkende Schülerzahlen und neue pädagogische Konzepte flexibel zu gestalten. Zum anderen gilt es umzudenken: Schulen dürfen nicht länger geschlossene Systeme bleiben, sondern müssen sich zu ihrem städtischen und sozialen Umfeld hin öffnen. Synergien zwischen unterschiedlichen Schulformen und Institutionen im Quartier gilt es zu nutzen, wie z.B. am Projekt „Zukunftsschule Mülheim-Eppinghofen“ deutlich gemacht wurde. Karl Imhäuser von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft sprach in Hagen von dem notwendigen „Aufklappen der Klassenbox“.

 

Schon heute ist das Bildungsangebot ein wesentlicher Faktor für die Bewertung der Standortqualität eines Quartiers, wie Eduard Heußen bei der Veranstaltung des BDA Ruhrgebiet berichtete, die in der vielfach ausgezeichneten Ev. Gesamtschule von Peter Hübner in Gelsenkirchen-Bismarck stattfand. In London rangiere der Bildungsfaktor sogar an erster Stelle bei der Bewertung von Stadtteilqualität. Je besser und zugänglicher die Bildungsangebote, desto höher die Quadratmeterpreise von Grundstücken und Wohnungen.

 

 

Innere Werte und äußere Leere?

 

Gegenläufig ist die Entwicklung bei den Trabantensiedlungen, die in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in autogerechten Entfernungen zu den Großstädten entstanden sind. Gerade diese Siedlungen leiden unter der Abwanderung junger Leute. Zurück bleiben die Alten, die mangels öffentlicher Verkehrsanbindung immobil werden und große Schwierigkeiten haben, ihre hoffnungslos entwerteten Grundstücke an den Mann zu bringen. Das Einfamilienhaus im Grünen wird bei rückläufigen Geburtenzahlen immer weniger zum Ideal. Es wird auch angesichts unsicherer Berufslaufbahnen immer schwieriger zu finanzieren.

 

Die Hintergründe dieser Abwanderung und das sich wandelnde Verhältnis der Großstädte zu ihrem Umland beleuchtete der BDA Köln in einem gut besetzten Workshop. Wie in einem System kommunizierender Röhren nimmt die Bevölkerung in den Vorstädten umso stärker ab, je attraktiver die Innenstädte werden. Diese räumliche und soziale Umverteilung hat dramatische Auswirkungen sowohl auf den suburbanen Raum als auch auf die Innenstädte selbst.

 

Durch die Trennung von Wohnen und Arbeiten und den Wunsch nach berufszentriertem Leben beider Ehepartner entstehen Orte ganz spezifischer Anforderungen, wie der Soziologe Walter Siebel in Köln ausführte: Orte der Arbeit mit hohem Dienstleistungsgrad, Wohnorte mit größtmöglichem Ruhepotenzial; man wünscht sich staufreie Fahrzeiten und kulturorientierte Freizeiten.

 

Die neue Generation der Städter sucht authentische urbane Qualitäten und erschließt dabei auch vernachlässigte Stadtbereiche neu. Für die verborgenen Orte und Potenziale eines solchen innerstädtischen Quartiers in Aachen zu sensibilisieren war Ziel des dortigen BDA. Erstsemester-Studenten der FH Aachen erkundeten es aus der Perspektive von Neubürgern, erarbeiteten eine Fotodokumentation und entwickelten Denkanstöße.

 

Das Abwanderungsphänomen ist nicht nur in der Nähe der Großstädte zu beobachten. Auch im Siegerland, in Randbereichen des Ruhrgebietes und in Ostwestfalen-Lippe ergeben sich Verschiebungen zwischen städtischen und ländlichen Lebensräumen. Wohnungsangebot allein reicht nicht mehr aus, um die Bevölkerung zu binden. Serviceangebote, Dienst- und Versorgungsleistungen sowie Bildungseinrichtungen sind die Anker für zufriedene Einwohner, wie in Bielefeld von dem Vertreter der Baugenossenschaft Freie Scholle berichtet wurde. Carsten Große Starmann von der Bertelsmann Stiftung behauptet gar, dass langfristig ganze Ortsteile von der Landkarte verschwinden werden.

 

 

Neue Wohnformen

 

Demographische Veränderungen wirken sich zunehmend auf die Wohnansprüche aus. Die Essener BDA lud in den „Beginenhof“ ein, ein Generationen übergreifendes Wohnprojekt von fast 40 Frauen und Kindern. Im ehemaligen Finanzamt Essen-Süd aus den 1920er Jahren wurden Mietwohnungen geschaffen, ergänzt durch gewerbliche Räume und Gemeinschaftseinrichtungen. Das Konzept könnte ein Ansatz sein, neue Lebensformen in Bestandsgebäude zu implantieren und im Sinne einer Qualitätsoffensive dem Leerfallen innenstädtischer Immobilien entgegenzuwirken.

 

Sowohl in Essen als auch bei der Veranstaltung „Nachhaltiger Umgang mit gebautem Wohnraum“ des BDA Gelsenkirchen wurde deutlich, dass Wohnungsunternehmen mit ihren Strategien zur Kundenbindung im 21. Jahrhundert angekommen sind. Dies gilt nicht nur für den behinderten- und seniorengerechten Umbau vieler Bestände, sondern auch die Entwicklung ganzer Quartiere für die Anforderungen der Zuwanderungsgesellschaft. Dem „Diversity-Management“ - Vielfalt soll Normalfall werden - wird ein hoher Stellenwert eingeräumt. Die Einbeziehung der Bewohner ist vielfach bereits eine Selbstverständlichkeit.

 

Bei dem integratives Mehrgenerationen-Wohnprojekt der Claudius-Höfe, das in Bochum vorgestellt wurde, beginnt der Aufbau des sozialen Netzes zwischen den zukünftigen Mietern, ca. 150 Menschen mit und ohne Behinderung, bereits lange vor Fertigstellung und Einzug.

 

Auch in Bonn ging es um neue, insbesondere altersgerechte Wohnformen. Dass die Exkursion zu zwei beispielhaften Wohnanlagen kurz nach Ankündigung in der Tageszeitung bereits ausgebucht war, zeigt das enorme Interesse breiter Kreise an diesem Thema. Die baulichen, rechtlichen und sozialen Aspekte des Mehrgenerationenwohnens sowie die Rolle von Baugruppen und Bewohnergenossenschaften wurden intensiv diskutiert.

 

Dem Thema „Zukunftsorte für ein interkulturelles Zusammenleben im Münsterland“ wurde in Haltern am See ein Planungsworkshop von mehr als 40 Architekten und Architekturstudenten gewidmet. Die beteiligten Kommunalvertreter fanden die Entwürfe so überzeugend, dass noch eine Dokumentation gedruckt werden soll.

 

 

Die bunte Stadt

 

Beim „BDA-Gespräch“ des Landesverbandes stand die Frage im Mittelpunkt, welche Anforderungen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkünfte an die Stadtgestaltung stellen und welche Beiträge sie selbst leisten. Aus wissenschaftlichen Perspektive referierte dazu der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann, der u.a. die Ergebnisse der Sinus Studie Migration (2007) vorstellte. Die türkischstämmige, in Duisburg aufgewachsene Autorin Hatice Akyün trug persönliche Beobachtungen und Reflexionen bei. So schilderte sie die Leidenschaft türkischer Familien, ihr Leben möglichst nach draußen und in die Öffentlichkeit zu verlagern, in Parks und auf Plätze oder, im Falle der Jugendlichen, auf die Straße. In Deutschland, wo man dazu neige, solche Zusammenkünfte eher skeptisch zu betrachten und Müßiggang nicht gerade zu den Tugenden gehöre, stieße dies immer noch auf Befremden. Akyün wünschte sich eine größere Neugier auf die Lebensweise ihrer Landsleute. Dies sei der Integration förderlicher als Toleranz.

 

Ob und wie sich die Ansprüche an die Gestaltung öffentlicher Räume bei Jugendlichen ausländischer und deutscher Herkunft unterscheiden, war auch die Leitfrage des BDA Düsseldorf und der Heinrich-Heine-Gesamtschule in ihrem Projekt „Bunte Vielfalt auf Düsseldorfer Plätzen“. Über mehrere Wochen beschäftigten sich fast 150 Schüler, von denen ein Großteil aus Familien mit Migrationshintergrund stammt, im Kunst-, Deutsch- und sozialwissenschaftlichen Unterricht sowie Fächer übergreifend mit dem Thema. Sie entwarfen Sitzmöbel, veranstalteten Kunst- und Tanzaktionen im öffentlichen Raum, führten Interviews u.v.m. Im Resümee heißt es: „Die Menschen, seien es Schülerinnen und Schüler, seien es Passanten, wünschen sich nicht vordringlich Elemente ihrer Kultur im öffentlichen Raum, um sich heimischer zu fühlen… Sie wünschen sich vielmehr Gelegenheiten zum Ausruhen und zur Begegnung.“

 

Die Aufgabenstellung für Architekten und Stadtplaner liegt auf der Hand!

 

Martin Halfmann

Uta Joeressen

 

 

 



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