

Die Herbstreihe des BDA NRW und seiner Gruppen, die erneut vom Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes NRW im Rahmen der Landesinitiative StadtBauKultur NRW unterstützt wurde, reflektierte in diesem Jahr die Auswirkungen der demographischen Entwicklung. Zwischen dem 5. und 18. November 2009 wurde an 11 Orten in NRW in fast 20 Veranstaltungen darüber diskutiert, welche Herausforderungen auf Architektur und Städtebau zukommen, wenn sich die Bevölkerungspyramide in den nächsten Jahrzehnten beinahe umkehren wird.
„Älter“ und „Weniger“ bringt als logische Konsequenz das „Bunter“ mit sich. Geburtenrückgang und Ausländerfeindlichkeit passen nicht zusammen. Wir brauchen Hilfe von außen, und wir brauchen mehr Kompetenz für die immer weniger werdenden Kinder. Je besser deren Bildung, desto besser stehen die Chancen darauf, den Lebensstandard unseres Landes zu sichern. „Bunter, älter, weniger...schlauer“ könnte das Ziel unserer Bildungspolitik heißen.
Schule und Quartier
Der Lernort Schule stand denn auch bei mehreren Veranstaltungen, so in Mülheim an der Ruhr, Hagen und Gelsenkirchen, im Mittelpunkt. Zum einen geht es darum, das Raumprogramm für sinkende Schülerzahlen und neue pädagogische Konzepte flexibel zu gestalten. Zum anderen gilt es umzudenken: Schulen dürfen nicht länger geschlossene Systeme bleiben, sondern müssen sich zu ihrem städtischen und sozialen Umfeld hin öffnen. Synergien zwischen unterschiedlichen Schulformen und Institutionen im Quartier gilt es zu nutzen, wie z.B. am Projekt „Zukunftsschule Mülheim-Eppinghofen“ deutlich gemacht wurde. Karl Imhäuser von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft sprach in Hagen von dem notwendigen „Aufklappen der Klassenbox“.
Schon heute ist das Bildungsangebot ein wesentlicher Faktor für die Bewertung der Standortqualität eines Quartiers, wie Eduard Heußen bei der Veranstaltung des BDA Ruhrgebiet berichtete, die in der vielfach ausgezeichneten Ev. Gesamtschule von Peter Hübner in Gelsenkirchen-Bismarck stattfand. In London rangiere der Bildungsfaktor sogar an erster Stelle bei der Bewertung von Stadtteilqualität. Je besser und zugänglicher die Bildungsangebote, desto höher die Quadratmeterpreise von Grundstücken und Wohnungen.
Innere Werte und äußere Leere?
Gegenläufig ist die Entwicklung bei den Trabantensiedlungen, die in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in autogerechten Entfernungen zu den Großstädten entstanden sind. Gerade diese Siedlungen leiden unter der Abwanderung junger Leute. Zurück bleiben die Alten, die mangels öffentlicher Verkehrsanbindung immobil werden und große Schwierigkeiten haben, ihre hoffnungslos entwerteten Grundstücke an den Mann zu bringen. Das Einfamilienhaus im Grünen wird bei rückläufigen Geburtenzahlen immer weniger zum Ideal. Es wird auch angesichts unsicherer Berufslaufbahnen immer schwieriger zu finanzieren.
Die Hintergründe dieser Abwanderung und das sich wandelnde Verhältnis der Großstädte zu ihrem Umland beleuchtete der BDA Köln in einem gut besetzten Workshop. Wie in einem System kommunizierender Röhren nimmt die Bevölkerung in den Vorstädten umso stärker ab, je attraktiver die Innenstädte werden. Diese räumliche und soziale Umverteilung hat dramatische Auswirkungen sowohl auf den suburbanen Raum als auch auf die Innenstädte selbst.
Durch die Trennung von Wohnen und Arbeiten und den Wunsch nach berufszentriertem Leben beider Ehepartner entstehen Orte ganz spezifischer Anforderungen, wie der Soziologe Walter Siebel in Köln ausführte: Orte der Arbeit mit hohem Dienstleistungsgrad, Wohnorte mit größtmöglichem Ruhepotenzial; man wünscht sich staufreie Fahrzeiten und kulturorientierte Freizeiten.
Die neue Generation der Städter sucht authentische urbane Qualitäten und erschließt dabei auch vernachlässigte Stadtbereiche neu. Für die verborgenen Orte und Potenziale eines solchen innerstädtischen Quartiers in Aachen zu sensibilisieren war Ziel des dortigen BDA. Erstsemester-Studenten der FH Aachen erkundeten es aus der Perspektive von Neubürgern, erarbeiteten eine Fotodokumentation und entwickelten Denkanstöße.
Das Abwanderungsphänomen ist nicht nur in der Nähe der Großstädte zu beobachten. Auch im Siegerland, in Randbereichen des Ruhrgebietes und in Ostwestfalen-Lippe ergeben sich Verschiebungen zwischen städtischen und ländlichen Lebensräumen. Wohnungsangebot allein reicht nicht mehr aus, um die Bevölkerung zu binden. Serviceangebote, Dienst- und Versorgungsleistungen sowie Bildungseinrichtungen sind die Anker für zufriedene Einwohner, wie in Bielefeld von dem Vertreter der Baugenossenschaft Freie Scholle berichtet wurde. Carsten Große Starmann von der Bertelsmann Stiftung behauptet gar, dass langfristig ganze Ortsteile von der Landkarte verschwinden werden.
Neue Wohnformen
Demographische Veränderungen wirken sich zunehmend auf die Wohnansprüche aus. Die Essener BDA lud in den „Beginenhof“ ein, ein Generationen übergreifendes Wohnprojekt von fast 40 Frauen und Kindern. Im ehemaligen Finanzamt Essen-Süd aus den 1920er Jahren wurden Mietwohnungen geschaffen, ergänzt durch gewerbliche Räume und Gemeinschaftseinrichtungen. Das Konzept könnte ein Ansatz sein, neue Lebensformen in Bestandsgebäude zu implantieren und im Sinne einer Qualitätsoffensive dem Leerfallen innenstädtischer Immobilien entgegenzuwirken.
Sowohl in Essen als auch bei der Veranstaltung „Nachhaltiger Umgang mit gebautem Wohnraum“ des BDA Gelsenkirchen wurde deutlich, dass Wohnungsunternehmen mit ihren Strategien zur Kundenbindung im 21. Jahrhundert angekommen sind. Dies gilt nicht nur für den behinderten- und seniorengerechten Umbau vieler Bestände, sondern auch die Entwicklung ganzer Quartiere für die Anforderungen der Zuwanderungsgesellschaft. Dem „Diversity-Management“ - Vielfalt soll Normalfall werden - wird ein hoher Stellenwert eingeräumt. Die Einbeziehung der Bewohner ist vielfach bereits eine Selbstverständlichkeit.
Bei dem integratives Mehrgenerationen-Wohnprojekt der Claudius-Höfe, das in Bochum vorgestellt wurde, beginnt der Aufbau des sozialen Netzes zwischen den zukünftigen Mietern, ca. 150 Menschen mit und ohne Behinderung, bereits lange vor Fertigstellung und Einzug.
Auch in Bonn ging es um neue, insbesondere altersgerechte Wohnformen. Dass die Exkursion zu zwei beispielhaften Wohnanlagen kurz nach Ankündigung in der Tageszeitung bereits ausgebucht war, zeigt das enorme Interesse breiter Kreise an diesem Thema. Die baulichen, rechtlichen und sozialen Aspekte des Mehrgenerationenwohnens sowie die Rolle von Baugruppen und Bewohnergenossenschaften wurden intensiv diskutiert.
Dem Thema „Zukunftsorte für ein interkulturelles Zusammenleben im Münsterland“ wurde in Haltern am See ein Planungsworkshop von mehr als 40 Architekten und Architekturstudenten gewidmet. Die beteiligten Kommunalvertreter fanden die Entwürfe so überzeugend, dass noch eine Dokumentation gedruckt werden soll.
Die bunte Stadt
Beim „BDA-Gespräch“ des Landesverbandes stand die Frage im Mittelpunkt, welche Anforderungen Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkünfte an die Stadtgestaltung stellen und welche Beiträge sie selbst leisten. Aus wissenschaftlichen Perspektive referierte dazu der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann, der u.a. die Ergebnisse der Sinus Studie Migration (2007) vorstellte. Die türkischstämmige, in Duisburg aufgewachsene Autorin Hatice Akyün trug persönliche Beobachtungen und Reflexionen bei. So schilderte sie die Leidenschaft türkischer Familien, ihr Leben möglichst nach draußen und in die Öffentlichkeit zu verlagern, in Parks und auf Plätze oder, im Falle der Jugendlichen, auf die Straße. In Deutschland, wo man dazu neige, solche Zusammenkünfte eher skeptisch zu betrachten und Müßiggang nicht gerade zu den Tugenden gehöre, stieße dies immer noch auf Befremden. Akyün wünschte sich eine größere Neugier auf die Lebensweise ihrer Landsleute. Dies sei der Integration förderlicher als Toleranz.
Ob und wie sich die Ansprüche an die Gestaltung öffentlicher Räume bei Jugendlichen ausländischer und deutscher Herkunft unterscheiden, war auch die Leitfrage des BDA Düsseldorf und der Heinrich-Heine-Gesamtschule in ihrem Projekt „Bunte Vielfalt auf Düsseldorfer Plätzen“. Über mehrere Wochen beschäftigten sich fast 150 Schüler, von denen ein Großteil aus Familien mit Migrationshintergrund stammt, im Kunst-, Deutsch- und sozialwissenschaftlichen Unterricht sowie Fächer übergreifend mit dem Thema. Sie entwarfen Sitzmöbel, veranstalteten Kunst- und Tanzaktionen im öffentlichen Raum, führten Interviews u.v.m. Im Resümee heißt es: „Die Menschen, seien es Schülerinnen und Schüler, seien es Passanten, wünschen sich nicht vordringlich Elemente ihrer Kultur im öffentlichen Raum, um sich heimischer zu fühlen… Sie wünschen sich vielmehr Gelegenheiten zum Ausruhen und zur Begegnung.“
Die Aufgabenstellung für Architekten und Stadtplaner liegt auf der Hand!
Martin Halfmann
Uta Joeressen
„Weniger-Älter-Bunter“
Herausforderungen für Architektur und Städtebau
Der BDA-Bezirk OWL (Ostwestfalen Lippe) lud im Rahmen einer Veranstaltungsserie des Landesverbandes des BDA zu einem Vortrags- und Diskussionsabend zum Demografischen Wandel in OWL ein unter der Fragestellung: “Was erwartet uns bis 2050?“
Carsten Große-Starmann von der Bertelsmann-Stiftung erläuterte in seinem Impulsrefarat die Einwohnerentwicklung ausgehend von Gesamtdeutschland, über NRW bis hin zu OWL auf kommunaler Ebene.
Die Bertelsmann-Stiftung erfasst alle Kommunen ab 5.000 Einwohner in der Einwohnerentwicklung und Zusammensetzung der Bevölkerung bis zum Jahre 2025. Neben großer
zusammenhängender Tendenzen des Schrumpfens und Wachsens, gibt es jeweils eingelagert gegenteilige Entwicklungen. Wie im Bundes- und Landesdurchschnitt gibt es auch in OWL größere Regionen von Entwicklung und Rückgang. Carsten Große-Starmann: „Es werden langfristig Ortsteile von der Landkarte verschwinden.“
Unter der Moderation von Dipl.-Ing. Stadtplaner Reinhard Drees sorgten drei weitere Statements für Gesprächsstoff in der anschließenden Diskussion.
Bernhard Koppmann, Vorstandsvorsitzender der Freien Scholle erläuterte die Besonderheit einer Mitglieder-Genossenschaft für ein zukunftsorientiertes Wohnungsangebot mit Serviceleistungen unter dem Leitmotiv „Leben in Nachbarschaften“. Nur Wohnungen anbieten reicht heute besonders in Zukunft nicht mehr aus; Versorgungsleistungen, Kinderbetreuung sind wichtiger Bestandteil eines gut funktionierenden Nebeneinanders. Modernisierungen und Ersatzneubau waren und sind wichtige Aufgaben.
Für die Architektenschaft ging Dipl.-Ing. Architektin und Stadtplanerin Susanne Crayen, Mitglied im Landesvorstand des BDA, auf die besondere Verpflichtung des Berufsstandes für qualitätsvolles Planen und Bauen in den urbanen Räumen ein. Eine weitere Ausdehnung in die Außenflächen ist der falsche Weg. Die Nutzung von Brachflächen und der vorhandenen Infrastrukturen ist nicht nur wirtschaftlicher für alle Beteiligten, sondern sorgt in der Vielfältigkeit des Innenstadtangebotes für ein abwechslungsreiches und qualitätsvolles Wohnen und Arbeiten. Sie sieht im demografischen Wandel eine große Chance für eine Aufwertung unserer Städte.
Als Stadtplaner der Stadt Gütersloh stellte Dipl.-Ing. Michael Zirbel das Demografiekonzept mit seinen wesentlichen Kernaussagen vor, u. a. Anpassungen im Bestand, Angebote für alle Einkommensgruppen. Planen bedeutet heute immer weniger einen Plan zu erstellen, als vielmehr einen Prozess mit vielen Akteuren zu begleiten und zu einem konsensfähigen Ergebnis zu kommen.
Die anschließende Diskussion machte deutlich, dass Stadträume wie Bielefeld, Gütersloh und Paderborn weniger vom demografischen Wandel betroffen sind, als Standorte mit einem guten Bildungs- und Arbeitsplatzangebot. Gerade die ländlich strukturierten Räume leiden unter der Abwanderung junger und gut ausgebildeter Menschen.
Für Architekten und Stadtplaner sind die Wirkungen des demografischen Wandels zukünftig die zentralen Randbedingungen für Planungsaufgaben. Der BDA-Bezirk OWL wird dieses vor dem Hintergrund von städtischen und ländlichen Räumen in seinem Bezirk weiterhin verfolgen und diskutieren.
Reinhard Drees
Gemeinsam statt einsam. Neue Wohnformen im Alter
Veranstaltung des BDA Bonn-Rhein-Sieg am 7.11.2009
Unter dem Motto „Gemeinsam statt einsam“ veranstaltete der BDA Bonn-Rhein Sieg am Samstag, 7. November 2009, eine Bus-Exkursion und Podiumsdiskussion zum Thema „Neue Wohnformen im Alter“.
Wie groß das Interesse an neuen generationenverbindenden Wohnformen ist, zeigte sich an der Tatsache, dass die Bus-Exkursion nur wenige Stunden nach Erscheinen eines Veranstaltungshinweises im Bonner General-Anzeiger ausgebucht war. Über 200 Personen wollten die Mehrgenerationen-Projekte am Dorothea-Erxleben-Weg in Vilich-Müldorf und an der Heerstraße in der Altstadt besichtigen. Im Interesse der Bewohner musste die Teilnehmerzahl jedoch auf 50 begrenzt werden. Viele, die keinen Platz im Bus gefunden hatten, kamen aber zur anschließenden Podiumsdiskussion im Institut für Städtebau.
Die kostenlose Fahrt führte zunächst zur Wohnanlage der Amaryllis eG in Vilich-Müldorf (Dorothea-Erxleben-Weg). Durch das Projekt führten Silke Gross und ihr Mann, die Initiatoren der Genossenschaft. Die vom Architekturbüro Alte Windkunst (Herzogenrath) entworfene Anlage fasst in drei Gebäuden 30 individuell gestaltete Wohneinheiten zusammen, in denen zurzeit 46 Erwachsene zwischen 26 und 85 Jahren sowie 20 Kinder und Jugendliche leben. Darüber hinaus gibt es Gemeinschaftswohnung mit Küche, Büro und Gästezimmer. Die Gestaltung des eigenen Lebensraumes in ökologisch nachhaltiger Bauweise (KfW-40-Häuser, zentrale Holz-Pellet-Heizung) war und ist der Amaryllis eG ein ebenso wichtiges Anliegen wie die Lebensform nach dem Prinzip des „Miteinander – Füreinander“. Die angestrebte soziale Mischung wurde durch sechs geförderte Sozialwohnungen und durch die Integration von Menschen mit Behinderungen erreicht (weitere Informationen unter: www.amaryllis-bonn.de).
In der Heerstraße der Bonner Altstadt liegt das erste realisierte Projekt des Vereines Wahlverwandtschaften, der in Bonn weitere Mehrgenerationen-Projekte plant. Eva Hüttenhain, Vorsitzende des Vereins, führte die Besucher durch die Wohnanlage, die aus einem Vorderhaus mit 23 Wohneinheiten (davon sieben geförderte Sozialwohnungen) und Gemeinschaftsräumen sowie einem Gartenhaus mit weiteren 24 Wohneinheiten (Mietwohnungen und elf Eigentumswohnungen) besteht. Wie die Amaryllis eG konnte auch dieser Verein der Stadt Bonn durch ein Mobilitätskonzept nachweisen, dass sehr viel weniger Stellplätze als der geforderte Stellplatz pro Wohneinheit (WE) benötigt wurden. So kommt die Wohnanlage in der Heerstraße mit nur 19 Stellplätzen aus. In den 41 – 106 qm großen Wohnungen, die alle barrierefrei und individuell gestaltet sind, leben 44 Erwachsene und drei Kinder. Grundvoraussetzung für das gemeinschaftliche und solidarische Leben in dem Mehrgenerationen-Projekt ist nach Eva Hüttenhain die hohe soziale Kompetenz und der Gemeinschaftssinn aller Bewohner (weitere Informationen unter: www.wahlverwandtschaften-bonn.de).
In der anschließenden Podiumsveranstaltung wurden die baulichen, rechtlichen und sozialen Aspekte des Mehrgenerationenwohnens diskutiert. Eingeladen waren der Architekt BDA Klaus Fischer, der mit einem kurzen Filmbeitrag das von ihm realisierte Mehrgenerationenprojekt „Karmelkloster“ in Bonn-Pützchen vorstellte (weitere Informationen unter: www.wohnen-im-karmel.de), Sabine Matzke von der WohnBundBeratung NRW, die als Beraterin Projekte dieser Art begleitet, Judith Kusch, die als Architektin in Köln selbst eine Baugruppe initiiert hat, Ulrik Karsten, der als kaufmännischer Leiter der RheinHaus GmbH die Investorensicht darlegen konnte, sowie Stadtbaurat Werner Wingenfeld und die Vorsitzende des Vereins Wahlverwandtschaften Eva Hüttenhain. Unter der Moderation von Andreas Denk, Chefredakteur der Zeitschrift „der architekt“, entstand eine spannende Diskussion mit zahlreichen Beiträgen aus der Zuhörerschaft. Ein viel diskutierter Schwerpunkt war die Standortfrage von Mehrgenerationen-Projekten. Den Initiatoren zufolge besteht die größte Schwierigkeit bei der Realisierung vor allem darin, zeitnah ein geeignetes Grundstück zu finden. Stadtbaurat Wingenfeld musste sich dem Vorwurf stellen, die Stadt würde Baugruppen zu wenig bei der Grundstückssuche unterstützen. Wingenfeld seinerseits wies darauf hin, dass es der Stadt an geeigneten innerstädtischen Grundstücken fehle und der Zwischenerwerb aus fiskalischen Gründen schwierig sei. Der politische Wille sei aber da: Man habe erst vor kurzem eine Kontaktstelle beim Amt für Soziales und Wohnen eingerichtet (Adresse s.u.). Der Vorschlag Judith Kuschs, die Stadt bzw. das Stadtplanungsamt solle sich doch von einem in Mehrgenerationen-Projekten erfahrenen Projektsteuerer beraten lassen, wurde ebenso begrüßt wie der Vorschlag Fischers, die Stadt möge doch endlich eine Plattform für Initiativen und Hauseigentümer einrichten.
Adressen:
Vereine & Initiativen:
Yola Thormann, Bonn
Bunte Vielfalt auf Düsseldorfer Plätzen – Schüler arbeiten am Stadt-Raum der Zukunft
Veranstaltungen des BDA Düsseldorf am 6.11. und 13.11.2009 / Abschluss des Schulprojektes 2009
Der BDA Düsseldorf setzte seine Tradition der Zusammenarbeit mit Düsseldorfer Schulen auch im Rahmen der Reihe „Weniger. Älter. Bunter“ fort.
Die Heinrich-Heine-Gesamtschule in der Graf-Recke-Straße stellt mit ihrem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund eine Art Zukunftslabor für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung dar. Die Schulleiterin Luise Hoffmann-Briel war für eine Zusammenarbeit mit dem BDA – federführend Matthias Pfeifer – sofort bereit. Bereits vor den Sommerferien 2009 begannen sich mehrere Klassen im Kunst-, Deutsch- und sozialwissenschaftlichen Unterricht bzw. Fächer übergreifend mit verschiedenen Aspekten des Themas zu beschäftigen. Die reichhaltigen Ergebnisse, an denen fast 150 Schülerinnen und Schüler mitgearbeitet hatten, wurden im Einkaufszentrum „Düsseldorf Arcaden“ und dessen Vorplatz sowie für drei Wochen im Stadtmuseum, das das Projekt unterstützte, präsentiert und diskutiert.
Abschlussbericht der Schule
„An unserer Schule leben Menschen aus mehr als 20 Herkunftsländern in der Regel friedlich zusammen. Zwar gibt es immer wieder auch Veranstaltungselemente, die die Eigenheiten der verschiedensten Traditionen und Sprachen hervorheben, doch unsere pädagogischen Bemühungen sind in erster Linie auf Integration gerichtet, nicht auf Abgrenzung.
Deshalb war der Ansatz des BDA für uns spannend: Wie gehen unsere Schülerinnen und Schüler mit dem Thema ‚Gestaltung des öffentlichen Raums’ um, wenn ausdrücklich erwünscht ist, die Vorstellung anderer Kulturen, Traditionen, Nationalitäten einzubeziehen?
Schon in der ersten Sammelphase vor den Sommerferien entstanden Ideen, die uns aber etwas irritierten: In fast allen Plänen fanden sich die gleichen Vorschläge: Sitzgelegenheiten, Repräsentanten von Natur wie Blumen oder Bäume und Wasserstellen, vorzugsweise Brunnen, dazu kamen meist Spielgelegenheiten für Kinder und hinreichend Möglichkeiten zur Müllentsorgung. Dies fand sich entweder vollständig oder in Teilen in fast allen Plänen, zusätzlich entstand nur ein ‚Haus der Kulturen’ und ein Platz für Skater.
Was zunächst noch für einen Ausdruck der Reproduktion von Bekanntem gehalten werden konnte, musste aber doch differenzierter wahrgenommen werden: Das Bild bestätigte sich bei der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern in allen Kursen genau so wie bei der Befragung von Menschen in der Öffentlichkeit.
Die Schülerinnen und Schüler, die Gestaltungsideen in Pläne umsetzten, arbeiteten in Gruppen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen zusammen, Elemente eines solchen Hintergrunds gehen aber nur sparsam in Ideen etwa für eine Säulengestaltung (Anm.: Die Stützen der Bahnunterführung an den Bilker Arcaden wurden mit selbst gemalten Plakaten verkleidet) ein. Sicherlich machen muslimische Schüler ornamentale Gestaltungsvorschläge und greifen keine Ideen für eine Personendarstellung auf, aber Ornamente werden völlig problemlos von einer Schülerin mit türkischem Migrationshintergrund und einer mit polnischer Herkunft gemeinsam entwickelt. Die von Schülerinnen und Schülern gestalteten Sitzmöbel (Anm.: für den öffentlichen Raum) betonen eher Verbindendes und möchten bewusst Anlass für Integration sein: Ein Stern ermöglicht es, auf den Zacken zu sitzen, aber die gemeinsame Mitte betont die Zusammengehörigkeit des Gebildes.
Die erste Folgerung, die wir aus der Arbeit ziehen können, ist zunächst einmal: Die Menschen, mit denen wir zu tun hatten, seien es Schülerinnen und Schüler, seien es Passanten, wünschen sich nicht vordringlich Elemente ihrer Kultur im öffentlichen Raum, um sich heimischer zu fühlen. Hier wäre noch nach Ursachen zu fragen: Ist das Ausdruck der Globalisierung im Kulturbereich? Bedeutet das fehlende Verbindung zu den eigenen Wurzeln als Mitglied der zweiten Generation? Oder handelt es sich um die Projektion von Erwartungen auf Lehrer und Interviewer?
Sie wünschen sich vielmehr Gelegenheiten zum Ausruhen und zur Begegnung.
Eine Beobachtung, die wir in der Schule machen, ist allerdings die, dass Freundschaftsgruppen häufig in erster Linie zwischen Angehörigen der gleichen Ethnien entstehen und Kommunikation dort am intensivsten zu sein scheint. Die Schülerinnen und Schüler relativieren diese Beobachtung gerne, weil das nicht ihr Ziel und ihr Selbstbild ist. Sie möchten das eigentlich nicht, sie möchten Integration und Gemeinsamkeit. Wenn wir unterstellen, dass das nicht nur auf Schülerinnen und Schüler zutrifft, dann ergibt sich daraus ein klarer Auftrag für alle, die mit Stadtplanung zu tun haben und Stadtplanung auch als in die Zukunft gerichteten gesellschaftlichen und politischen Integrationsauftrag verstehen: Der öffentliche Raum muss Gelegenheiten zur Begegnung schaffen und Anlässe, zu denen man sich dann auch in national und ethnisch gemischten Gruppen begegnet.
Und diese Folgerung gilt nicht nur für die Stadtplanung: Sie gilt für die Schulpolitik insgesamt und sie gilt auch für unsere konkrete Schule.
Insofern war die Teilnahme an diesem gemeinsamen Projekt für die teilnehmenden Schüler und Schülerinnen wie Lehrer und Lehrerinnen insgesamt ein Gewinn: Es ging um anspruchsvolle Ziele und Aufgaben, die Arbeit hatte einen Ernsthaftigkeitscharakter, den schulische Lernaufgaben nicht immer haben, gefragt war außer fachlichem Können und Einsatz auch Zuverlässigkeit und Kooperationsfähigkeit. Es gilt zu fragen, was wir und was die Schülerinnen und Schüler geleistet haben und wo es noch deutlichen Lernbedarf gibt.
Und es war nicht zuletzt ein Gewinn für die Schule, auf die Frage der kulturellen Integration noch einmal einen genaueren Blick zu werfen. Auch Schulraum ist im weiteren Sinne öffentlicher Raum. Gestalten wir ihn ‚bunt’ genug?“
Weniger. Älter. Bunter … anders wohnen.
10.11.2009
Das Beispiel des Beginenhofes Essen, einem Generationen übergreifenden Wohnprojekt von Frauen und Kindern, ist Ausgangspunkt für eine Diskussion über veränderte Wohnanforderungen der schrumpfenden, älter und ethnisch bunter werdenden Gesellschaft.
Zur Führung durch das Gebäude, dem ehemaligen Finanzamt Essen-Süd aus den 1920er Jahren, und zur Diskussion waren 60-70 Gäste gekommen.
Im Beginenhof wohnen derzeit 37 Frauen zwischen 25 und 83 sowie 4 kleine Kinder. Alle sind Deutsche, 4 ungarischer Herkunft. In ethnischer Hinsicht ist die Gruppe also sehr homogen.
Das Bestandsgebäude wurde von Privatinvestoren gekauft und umgebaut. Ein Teil der Wohnungen erhielt öffentliche Fördermittel, so dass sich eine sozial gemischte Bewohnerinnenstruktur ergeben hat, was bei einer Kaltmiete von 8,50 Euro, Nebenkosten und weiteren Nebenkosten für die gemeinsam genutzten Flächen sonst nicht möglich gewesen wäre.
Neben den Wohnungen gibt es gewerblich genutzte Räume (untervermietet), Apartments für Betreutes Wohnen (externer Betreiber), Veranstaltungsräume und ein Café. Die Mieter haben jeweils Einzelmietverträge, nur die gemeinsam genutzten Flächen werden gemeinsam gemietet und unterhalten.
Das Zusammenleben mehrerer Generationen gehört zum Konzept und funktioniert im Beginenhof anscheinend. Wie in der Diskussion von mehreren Teilnehmern, insbesondere den Vertretern der Wohnungsgenossenschaften, hervorgehoben wurde, ist es aber eine große Herausforderung. Insbesondere harmoniere die Nachbarschaft von alten und sehr jungen Menschen nur selten gut, da alte Menschen sich häufig von Kindern gestört fühlen, auch wenn sie selbst Kinder gehabt haben.
Winfried Zysk, Vorstand der Wohnbau eG Essen, führte aus, dass die Bestände bereits seit langem den sich ändernden Anforderungen angepasst und modernisiert werden. Dies sei schon aus Vermarktungsgründen erforderlich, denn es gebe ja keinen Wohnungsmangel. In Essen stehen ca. 23.000 Wohnungen leer.
Dr. Dietrich Goldmann, ehemals Vorstand der Essener Allbau AG, bekräftigt die Anpassungsfähigkeit des Wohnungsmarktes. Die derzeitige Diskussion biete die Chance, über neue Konzepte nachzudenken. Die Schrumpfung der Bevölkerung im Ruhrgebiet könne für eine Qualitätsoffensive genutzt werden. Die Reduzierung des Flächenverbrauchs sei ohnehin notwendig. Das eigentliche Problem sieht er nicht im „Weniger. Älter“, sondern im „Bunter“.
Dr. Stefan Hochstadt von der FH Dortmund sieht das Beginenhof-Konzept als gut und „marktfähig“ an, weist aber auf darauf hin, dass es vorerst nur für sehr wenige Menschen akzeptabel sei. Bisher lebe nur 1% der Bevölkerung in alternativen Wohnformen.
Zum Thema „Buntheit“ führt Hochstadt aus, dass dies im Ruhrgebiet nichts Neues sei, sondern die Region immer schon geprägt habe. Im übrigen hätten andere Städte und Regionen, insbesondere im süddeutschen Raum (Stuttgart, München) einen wesentlich höheren Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund (Stuttgart 40%, Ruhrgebiet 25% im Durchschnitt). Allerdings gebe es hier einzelne Stadtteile, wo der Anteil außerordentlich hoch sei, und insgesamt steige er an. Hier gäbe es nur ein „Rezept“: Bildung. Segregation werde oft sehr einseitig gesehen. Die am stärksten davon geprägten Stadtteile seien nicht solche wie Essen-Katernberg u.ä., sondern Bredeney.
Zyst weist darauf hin, dass Segregation in der Stadt und im Wohnumfeld etwas Normales sei. Die Menschen fühlten sich wohler, wenn sie sich nicht so sehr von ihren Nachbarn unterschieden. Erst wenn andere Probleme hinzukämen, werde das Gleichgewicht gestört.
Der Beginenhof wird als vorbildliches Projekt im Sinne der Umnutzung eines Bestandsgebäudes, des energiesparenden Umbaus und der Ermöglichung neuer Wohnformen angesehen.
Der Umbau des klassischen Wohnungsbestandes für neue Wohnformen sei oft teuer und schwierig. Bürobauten seien dafür oft besser geeignet. Um die Nachfrage nach Wohnungen in Zukunft Aber auch der Abriss sei in Betracht zu ziehen, wo sich der Umbau nicht lohnt.
Lernraum. Zukunft. Schule
Die Mülheimer Bevölkerung schrumpft seit 1970, von damals 190.000 Einwohner auf vorauss. 155.000 im Jahr 2020. Von heute aus gesehen, wird die Schülerzahl bis 2020 um 19% zurückgehen. Der Bestand von derzeit 44 Schulgebäuden befindet sich in der Überprüfung. Zahlreiche Schulen müssen erneuert und an die zukünftigen Schülerzahlen, aber vor allem auch an neue Lernraumanforderungen angepasst werden.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand das Projekt „Zukunftsschule Mülheim-Eppinghofen“, das sich seit 2005 in der Entwicklung befindet, ab 2011 gebaut und 2014 abgeschlossen werden soll.
Mülheim-Eppinghofen ist ein Stadtteil, in dem 40% der Bewohner nicht-deutscher Herkunft sind. Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund ist noch höher. Es gibt relativ mehr Kinder als im Rest der Stadt und viele allein erziehende und von Sozialleistungen lebende Menschen. Der Stadtteil droht zum Problembereich zu werden, er wurde kürzlich in das Programm „Soziale Stadt“ aufgenommen.
Die „Zukunftsschule“ ist der Teil der „integrierten Stadtentwicklung“. Bereits in der mehrjährigen Projektentwicklungsphase, die von der Stadt gemeinsam mit der Uni Duisburg-Essen moderiert wird, wirken die Betroffenen und Beteiligten regelmäßig mit. Das Projekt wird als Chance zur Aufwertung des Stadtteils gesehen und ist längerfristig auch mit der Hoffnung verbunden, als Modell für zahlreiche andere Schulen und Einrichtungen in der Stadt und darüber hinaus dienen zu können.
Es wird sich nicht um eine Schule im herkömmlichen Sinne handeln, sondern um eine Zusammenfassung von Kita, Grundschule, Hauptschule und verschiedenen sozialen Einrichtungen (Jugendhilfe), die jetzt in maroden Gebäuden nebeneinander bestehen, zu einem baulich, organisatorisch und sozial verbundenen Neubau-Ensemble. Zusätzlich wird ein Quartierzentrum entstehen, das von allen Institutionen und dem Stadtteil insgesamt genutzt werden kann. Die Baukosten sollen 42 Mio. Euro betragen (EU-Förderung).
Die Referenten stellten das Konzept der Zukunftsschule ausführlich vor, bis hin zu architektonischen Vorentwürfen, z.B. Verteilung der Baukörper, Grundrisse von Lerneinheiten. Daran anknüpfend wurde vonseiten des BDA allerdings die Frage nach dem Verfahren aufgeworfen, die gewählt werden, um die anspruchsvollen Zielsetzungen auch architektonisch optimal umzusetzen. Der Leiter des „Immobilienservice Mülheim“ sprach von einem VOF-Verfahren, das ein „Vergabebüro“ in die Hand nehmen werde. Der BLB sei auch beteiligt. Alles solle nach Recht und Ordnung geschehen. Die BDA-Vertreter mahnten einen Architektenwettbewerb dringend an und verwiesen darauf, gerade bei einem so ehrgeizigen Projekt dürfe die Chance der Auswahlmöglichkeit zwischen mehreren Entwürfen nicht vertan werden. Es wurde zumindest zugesagt, darüber mal nachzudenken.
In der Diskussion ging es außerdem um die Einbindung in den Stadtteil, Sicherheitsaspekte, Veränderungen, die auf die Beschäftigten zukommen, Einbindung ehrenamtlich Tätiger usw.
Anstelle der geplanten Exkursionen zu zwei Schulen wurden die Teilnehmer eingeladen, an der Veranstaltung es BDA Ruhrgebiet in der Ev. Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck teilzunehmen.
Uta Joeressen
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